Referenzen und Geschichten

Ich möchte diese Seite mit einer Geschichte eröffnen, die mir ein lieber und wichtiger Freund einmal geschrieben hat. Er hat sie mir als Reaktion auf meine Bilder geschrieben und daher ist sie tatsächlich einer Referenz gleichzusetzen, einer wunderbaren, schillernden Referenz, die als Eröffnung ihresgleichen sucht. Viel Spaß beim Lesen!

Zum Autor:

Werner Kafka, arbeitet seit über 30 Jahren als Fotograf, Journalist und Autor für die unterschiedlichsten Medien. Mehr als zehn Jahre stand er bei der größten Bildagentur Japans unter Vertrag und machte Reportagen in vielen Ländern der Erde. In Deutschland arbeitete er für das Fernsehen, unterrichtete über die verschiedensten Themen der Bildgestaltung und hielt zahlreiche Vorträge. Bücher sind 22 Titel von Werner Kafka erschienen, darunter 19 Titel zum Thema Fotografie.

Eine Frau, die malt

 

Vor einigen Jahren habe ich mal eine Geschichte geschrieben über eine geheimnisvolle Frau die an einem wunderbaren Meeresstrand das Licht malte. Es wurde ein buntes, mystisches Märchen daraus und immer, wenn ich Utes Bilder sehe, denke ich an diese kleine Geschichte. Was immer diese Frau malt, das Licht scheint ihr zentrales Thema zu sein. Seien es nun Blumen, Personen oder abstrakte Werke. Faszinierend ist die Strahlkraft ihrer Bilder, das Leuchten der Figuren, das wunderbare jonglieren mit Farbe und – mit Licht.

Ich sehe sie gerne, diese Bilder. An Tagen, wo es mal nicht so läuft, an denen um mich alles dunkel zu werden scheint, an denen die Welt mal wieder fest daran zu glauben scheint, dass es das Beste ist, wenn sich alle umbringen – an solchen Tagen schaue ich mir die Bilder von Ute Bivona an, tauche ein in diese Farben, suche und finde das reine Blau des Himmels oder die Farbe der Liebe. Spüre wiegendes Gras, taste über die Rinde eines alten Olivenbaumes und lausche den Geschichten dieser Bilder.

Oft denke ich, warum ist sie nicht berühmt geworden. Warum sind ihre Bilder nicht auf internationalen Ausstellungen vertreten?

Das Können hätte sie, auch die Phantasie und die visuelle Kraft.

Was ist das nur, das die einen berühmt macht und die anderen im Schatten lässt?

Ich habe dieses Rätsel nie lösen können.

Möglich, dass ich Ute Bivonas Bilder deshalb umso mehr genieße. Weil es Bilder sind, die aus den Tiefen ihres Wesens kommen, die sich an die Oberfläche drängen, als würden der Frühling und die warme Luft sie aus der Erde locken. Bei keinem Bild denkt man an Kommerz oder Geld.

Man denkt an Farben, an Wärme, an Licht und an den Grund, warum solche Bilder, warum Kunst überhaupt entsteht: Weil der Mensch eine Seele hat!

Und die Künstlerseele von Ute Bivona ist von seltener Schönheit!

Gelegentlich versuche ich, in eines ihrer Bilder hineinzusteigen wie in einen jener Märchenspiegel oder in den alten Kinderfilmen. Die Welt dahinter möchte ich entdecken. Wie ein Tourist würde ich gerne in den Bildern von Ort zu Ort reisen, Utes Farben und Formen betrachten, das Leben und die Dynamik sozusagen unmittelbar spüren.

Lassen Sie sich ein auf ihre Bilder. Suchen Sie sich eine stille Stunde ohne „das sollte ich noch tun“ oder „eigentlich habe ich ja gar keine Zeit“. Legen Sie Ihr Handy dorthin, wo es niemanden stört und gönnen sich diese Augenblicke der Betrachtung. Vieles werden Sie dabei finden, vieles, das Sie schon kannten und vieles Neues. Vieles von sich selbst werden Sie entdecken und vieles auch

 

von der Frau, die malt.

 

 

 

WASSERFARBEN ODER DIE MALERIN

 

24.12. 2012 Für Ute

 

Sie war eine Malerin. Eine Künstlerin. Ja. Das musste man wohl sagen. Der Junge sah sie jeden Tag an der gleichen Stelle sitzen. Jeden Tag. In dem kleinen Dorf am Meer, etwas südlich von dem großen Florenz. An Rande des kleinen lichten Pinienwäldchens im Schatten blickte sie auf das Meer und dachte nach. Manches Mal aber sah er sie auch am Strand. Dann saß die Frau mit den dunklen Augen auf einem abgewetzten Klappstuhl vor ihrer hölzernen Staffelei, die gebogene Palette in der linken und einen feinen Pinsel in der rechten Hand. Und sie malte. Malte unentwegt, schnell, mit großen fließenden Bewegungen. Es machte ganz den Eindruck, als ob sie in diesen Stunden die Welt um sich herum nicht wahrnehme, als ob die Frau  hinein gesunken wäre in diese Bilder, die auf der Leinwand zu leuchten begannen. Als ob sie gerade eben nur für dieses eine Bild lebte.

Mit großem Schwung tauchte die Frau den Pinsel in ein großes Glas, schielte über die Leinwand hinüber zu der prächtigen Küstenlandschaft und fuhr dann entschlossen mit schneller sicherer Pinselführung über die geweißte Leinwand. Ihr Gesicht glühte vor Glück, vor Leidenschaft und der Energie des Schaffens. Ihre schwarzen Haare hinter die Ohren geklemmt, den Mund ganz leicht geöffnet beobachteten ihre Augen konzentriert das, was ihre Hand auf die Leinwand zauberte. Und wie traumwandlerisch sicher diese Hände waren!

Wie in komplizierten Figuren, wie in einem geheimnisvollen Tanz eilten sie über die leeren Flächen der Leinwand, um ihr Gestalt, um ihr Leben einzuhauchen. Es glänzte und glitzerte und gleißte vor der Künstlerin, die an schwierigen Stellen vor Aufregung die Unterlippe über die Oberlippe schob und so ein wenig Meersalz in den Mund bekam.

 

Was für ein herrliches Gemälden strahlte vor dem Jungen auf der Leinwand. Er war fasziniert, dass man mit ein bisschen Farbe das Leben auf ein wenig getünchtes Gewebe malen konnte. Es war Magie…. Nie hatte er etwas Schöneres gesehen. Das Bild funkelte und leuchtete vor ihm. Die Konturen waren scharf, alles war wundervoll deutlich und plastisch erkennbar. Als könnte man hinein steigen in dieses wundervolle Land hinter der Leinwand.

 

Nach einigen wenigen Minuten jedoch begann das Bild stumpf zu werden. Linien verblassten oder verschwanden ganz. Farben wurden bleich und unsichtbar. Das Bild schien sich aufzulösen. Und tatsächlich:  Kurze Zeit später hatte die Sonne das ganze wunderbare Gemälde aufgesogen und zurück blieb eine weiße trockene Leinwand auf der nichts anderes mehr zu sehen war als kalkiges, kreidiges Weiß.

Die Malerin saß erschöpft und zusammengesunken auf ihrem Klappstuhl. Doch noch leuchteten ihre Augen und sahen Farben, Torbögen, verwittertes efeuumwuchertes Gestein, glühendfarbige Blüten, Pinienhaine, sanfte Hügel und einen wunderbar weiten hohen hellen Himmel.

„War es nicht wundervoll? War es nicht herrlich?“ murmelte sie zu dem Jungen.

Der schien nicht zu begreifen. und sah immer wieder in das Glas. Und dann auf die Leinwand.

„Wasserfarben!“ sagte die Künstlerin.

„Oder besser: Die Farben die das Wasser bei Licht macht. Es gibt nichts Schöneres.“

„Aber das Bild“, klagte der Junge. „Es ist weg. Verschwunden. Und es war so wunderschön.“ Traurig blickte der Junge auf die Leinwand, als wäre ihm etwas unglaublich wertvolles verloren gegangen.

„Wieso?“ fragte die Malerin. „ Wieso soll es weg sein? Glaubst du, dass du jemals dieses Bild vergessen wirst? Dass du es je verlieren könntest?“

Und da sah der Junge, wie noch einmal in seinem Inneren dieses Leuchten aufstieg, fast roch er diesen einen verzückten Augenblick, in dem die Leinwand leuchtete als hätte eine Fee Sternenstaub über das Bild gesprüht.

Auch die Augen des Jungen begannen jetzt zu funkeln. Er glaubte, wenigstens ein bisschen zu verstehen.

„Nein“, sagte er. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jemals dein Bild vergessen kann, weil es so schön war wie ein Wunsch. Wann malst du wieder ein Bild?“

„Ich denke, in ungefähr zwei Wochen, wenn die Leinwand ganz getrocknet ist“, antwortete die Frau mit den dunklen Augen.

„Ich werde da sein! Ich werde ganz sicher da sein!“, freute sich der Junge. Doch dann runzelte er die Stirn. Ein Gedanke furchte ihm die kleine Stirn.

„Und die andern? Was ist mit all den andern?“ fragte er.

„Was soll mit den anderen sein?“ fragte die Malerin.

„Nun ja. Niemand sonst wird dein Bild sehen können. Nur du und ich.“

 

„Ah. Ich verstehe“, sagte die Frau mit einem Lächeln. „Eine gute Frage. Nun. Ich stelle dir in diesem Zusammenhang auch eine Frage. Worauf kommt es wohl an. Auf das Malen? Auf die Malerei als solches? Oder auf das Malen für einen oder viele Betrachter? Oder weil man malen möchte. Weil das so in einem drinnen ist, dass man gar nicht anders könnte. Darüber muss man nachdenken, bevor man anfängt, die Pinsel auszupacken.“

 

Der Junge ging nachdenklich nach Hause. Und bevor er zum Abendbrot in das Haus hinein ging, setzte er sich auf die kleine Bank neben der Tür und blickte zu den kleinen Sommerwolken hoch.

„Ich glaube, ich werde einmal schreiben“, dachte er für sich. „Zum Malen tauge ich nichts. Aber schreiben könnte ich darüber. Über Bilder. Über das Schaffen. Und vielleicht, wenn ich einen wirklich guten Moment habe, dann… ja, dann gelingt es mir vielleicht sogar, ein schönes Bild zu schreiben…„